Hannah Arendt und die Banalität des Guten

Ruanda, Sebrenica, Theresienstadt. Wie ist das möglich? Drei Worte, die das absolute Grauen markieren.

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Seit es das Entsetzen darüber gibt, fragen Menschen, wie ist es möglich, dass Menschen so etwas tun. Die Frage ist, wie wird jemand böse? Drückt sich das etwa von Anfang an in seiner Persönlichkeit aus? Sind die Umstände danach? Wie wird jemand zum System?


Es gibt kaum einen Satz, der den Spannungsbogen dieser Fragen auf so unerwartete Weise bündelt wie Hannah Arendts Bemerkung von der Banalität des Bösen.

Wie ist dieser Satz entstanden, der heute noch Kontroversen auslöst und auf der Höhe jeder aktuellen Debatte scheint? Ein Rückblick. 1961 wurde Hannah Arendt vom New Yorker, einem linksliberalen Magazin, gefragt, ob sie den Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem beobachten und darüber berichten wolle.


Adolf Eichmann war im Mai 1960 von einem israelischen Geheimkommando in Argentinien gekidnappt und nach Haifa verbracht worden. Eichmann gilt als die zentrale Figur im Reichssicherheitshauptamt, die effizient im Osten Europas unter widrigsten Umständen den massenhaften Mord an jüdischen Bürgern und anderen Minderheiten organisierte. Eichmann gilt später als der Schreibtischtäter par excellence. Der effiziente Organisator des unvorstellbar Grauenhaften.

Hannah Arendt nahm den Job an und flog zu Prozessbeginn im April 1961 nach Jerusalem. Hanna Arendt war deutsche Jüdin. Sie studierte Philosophie, Theologie und Griechisch bei Heidegger und Jaspers. Sie hatte, bevor sie nach Jerusalem flog, bereits ihre Studie „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ publiziert. Sie reizte in Jerusalem die besondere Chance, durch die Beobachtung des Verfahrens gegen Eichmann die Motivationsseite der deutschen Verbrechen unmittelbar in Augenschein zu nehmen. Die Frage, wie ist es möglich, dass Menschen ein solches Grauen anrichten, ließ sie nicht mehr los, seitdem sie knapp der Deportation in Frankreich entkommen war.


Es erschien zunächst eine Reportage im New Yorker. 1964 entstand daraus das Buch „Eichmann in Jerusalem“, das Hannah Arendt mit dem Untertitel „Die Banalität des Bösen“ versah. Damit war der Satz in der Welt. Dieses Buch und sein Untertitel lösten einen Skandal aus, dessen Schockwellen noch heute zu spüren sind. Was war geschehen?


Hannah Arendt beobachtet in Jerusalem einen Mann, der als Angeklagter bereitwillig Auskunft gibt, scheinbar glaubhaft seine Version der Wahrheit erzählt. Der sich als Verwaltungsfachmann, heute würde man sagen als Logistikspezialist begreift. Der persönlichen Antisemitismus weit von sich weist, der sogar behauptet, Dankbarkeit gegenüber Juden zu empfinden, da ja jüdische Verwandte ihn in den zwanziger Jahren zu einer gesicherten Arbeitsstelle verholfen hatten; er, der immer Anstellungsprobleme hatte. Eichmann sagt, was ihn wirklich belaste sei die Tatsache, ob er alle Anweisungen als „Befehlsträger“ auch angemessen ausgefüllt habe. Man mag das als bürokratischen Kadavergehorsam bezeichnen. Aber Eichmanns Erscheinung hat nichts Monströses. Da sitzt kein kalt funkelnder Fanatiker. Eichmanns servile Biederkeit ist bedrückend. Sie macht fassungslos und verunsichert zutiefst. Dieser ungelenk wirkende Mensch, ein Organisator des Grauens? Hannah Arendt nimmt Eichmann dieses Erscheinungsbild ab. Seine Taten sind zwar monströs. Er selbst als Person fällt dahinter merkwürdig zurück.

Warum dieser Skandal, warum diese Fassungslosigkeit, die Hannah Arendts Reportage auslöste?


Ein Teil der Reaktionen beruht vielleicht auf einem Missverständnis oder einer bewussten Unterstellung. Hannah Arendt ging es nicht darum, die Verbrechen an jüdischen und anderen Bürgern zu verharmlosen oder gar zu banalisieren. Sie beobachtete vielmehr, dass die Monstrosität der Taten keine Entsprechung im wahrnehmbaren Erscheinungsbild der jeweiligen Person findet. Wären die Verhältnisse andere gewesen, hätte Eichmann eben ein Beamter im Wasserwirtschaftsamt sein können oder wäre arbeitslos geblieben wie viele andere auch. Daraus folgt eine verstörende Erkenntnis: Wir wissen nicht, wie jemand „wirklich“ ist. Erst die Verhältnisse, in denen wir handeln, geben uns zu erkennen.

Ein weiterer Vorwurf insbesondere von jüdischer Seite wurde Hannah Arendt gemacht: Sie leugne durch ihre Charakterisierung Eichmanns implizit die Einmaligkeit und Einzigartigkeit des an jüdischen Bürgern begangenen Verbrechens. Dazu sagt Mahmoot Mamdani lakonisch: Für das jüdische Volk sei das ihm zugefügte Grauen einzigartig. Zuvor markiert das Jahr 1492 die Schwelle nach der dieses Grauen viele Völker heimsuchte. 1492 markiert nicht nur den Beginn der politischen Moderne, es ist auch der Beginn der europäischen Renaissance, es ist das Jahr, in dem sich Christoph Columbus auf den Weg in die Neue Welt macht. Dort leben Völker, die, glaubt man der Geschichte des amerikanischen Volkes von Howard Zinn, bereits eine Kultur der Fürsorge und des Respekts für einander entwickelt hatten, für die erst Generationen später die Begriffe der Menschenrechte erfunden wurden – zunächst für weiße vermögende Männer. Viele dieser Völker gibt es heute nicht mehr. Aber 1492 war auch das Jahr, in dem König Ferdinand und Königin Isabella den Stadtstaat Granada eroberten, den damals letzten muslimischen Vorposten in der westlichen Welt. Das Spanien Isabellas und Ferdinands wurde zum ersten Nationalstaat auf dem Kontinent und zwar zu einem christlichen. Die 130.000 Juden, die dort seit Jahrhunderten lebten, hatten die harsche Wahl: Taufe oder Deportation. Etwa 70.000 ließen sich taufen, was sie nicht vor der Inquisition schützte. Sieben Jahre später 1499 stellte der Staat seine Muslime vor die gleiche Wahl: Konvertiert oder geht. Damit wurde jene muslimische arabische Gelehrsamkeit vertrieben, die, wie Kurt Flasch andeutet, ein zu Unrecht vernachlässigter Faktor für die Wiedergeburt verlorener antiker Ideen und damit für die europäische Moderne an der Schwelle zur Neuzeit bildete. 1492 steht für die Einigung der Nation und für die Eroberung der Welt. Mahmoot Mamdani schreibt, es sei der Verdienst von Hannah Arendt, den Holocaust in den Zusammenhang der Eroberung der Welt und des Völkermordes gestellt zu haben.

Der Streit um Hannah Arendt dauert heute noch an. Jüngst wurde im Internet-Magazin slate eine Studie von Ron Rosenbaum publiziert, in der Arendt nicht nur ihr Liebesverhältnis zu Heidegger vorgeworfen wird, sondern in der die Formel von der Banalität des Bösen mit jüdischem Antisemitismus gleichgesetzt wird. Aber das stimmt nicht, vielmehr drückt sich in der Formel das Erstaunen aus, das Hannah Arendt ergriffen haben muss, als sie 1961 den Prozess gegen Adolf Eichmann beobachtete: Das Erstaunen darüber, wie Thomas Steinfeld sagt, dass das scheinbar absolut Böse bei näherer Betrachtung seine Bedingungen enthüllt, dass selbst die schlimmsten Ereignisse der Geschichte nicht identisch sind mit dem persönlich Bösen dieser einzelnen Menschen.


Eine wichtige Frage bleibt beunruhigend unbeantwortet: Sie stellt Philip Zimbardo: Was lässt gewöhnliche, ja vielleicht gute Menschen zu Tätern böser Taten werden? Philip Zimbardo ist Professor für Psychologie an der Stanford University und Leiter des Stanfort Center on Interdisciplinary Policy, Education and Research on Terrorism. Im Jahr 2004 wird Zimbardo als Sachverständiger für das Kriegsgerichtsverfahren gegen US-Armeereservisten berufen, die angeklagt waren, im Abu-Ghraib-Gefängnis im Irak Gefangene gefoltert zu haben. Berühmt wurde Zimbardo mit dem sogenannten Stanford Prison Experiment. Zimbardo ging es bei diesem Experiment um die Frage, ob und wie Menschen einer ungewohnten Situation begegnen, ob sie ihren Verhaltens- und Wertvorstellungen treu bleiben – oder eben nicht.

Das Experiment beginnt am 14. August 1971 in Palo Alto in Kalifornien. Es ist ein Sonntag, der Himmel azurblau, ein perfekter Sommertag, wie fast immer in Palo Alto. Für das Experiment werden männliche Studenten ausgewählt. Nach einem Losverfahren wird die eine Hälfte davon für die Rolle der Gefangenen, die andere Hälfte für die Rolle der Wärter vorgesehen. Es geht darum, unter möglichst realistischen Bedingungen zwei Wochen den Gefängnisalltag zu simulieren. Die jungen Männer wussten bei der Bewerbung für das Experiment nicht, welche Rolle ihnen dabei zufallen würde. Das Experiment startet für die als Häftlinge auserkorenen Studenten mit einem Anruf, dass demnächst ein Streifenwagen vorbeifahren würde, um die Verhaftung durchzuführen. So geschah es. Die Streife war echt. Die örtliche Polizeidienststelle konnte als Kooperationspartner gewonnen werden. Während die Häftlinge „eingeliefert“ wurden, erfolgte die Ausstattung der Wärter. Sie erhielten eine Art Uniform, einen Schlagstock und eine verspiegelte Brille, die sie immer tragen mussten. Die Gefangenen hatten sich bei der Aufnahme nackt auszuziehen, alle persönlichen Dinge abzugeben und erhielten eine Art Kutte, die bis zu den Oberschenkeln reichte, sonst nichts. Es gab eine penible Gefängnisordnung, für deren Einhaltung die Wärter verantwortlich waren und bei Missachtung Sanktionen aussprechen konnten. So weit das Setting. Es handelte sich bei den Teilnehmern des Experiments wie gesagt um Studenten, alle mit überdurchschnittlichen Leistungen, die weder vorbestraft noch sonst irgendwelche negativen persönlichen Auffälligkeiten vorweisen konnten. Die Ergebnisse des Experiments sind bekannt. Es musste vorzeitig abgebrochen werden. Die Wärter begannen bereits am dritten Tag, die Gefangenen zu schikanieren, Misshandlungen und folterähnliche Situationen folgten. Was war geschehen? Die Gefangenen, durch das Tragen einer kärglichen Kutte ohne Unterwäsche, eingesperrt in dürftige Zellen, ihrer Würde offensichtlich beraubt, waren in den Augen der Wärter ausreichend depersonalisiert, um sadistische Impulse zu wecken. Die Wärter auf der anderen Seite waren gleichfalls ihrer Individualität beraubt, jedoch mit Machtinstrumenten ausgestattet. Die verspiegelte Brille verhinderte jeden Augenkontakt, die Uniform und der Knüppel funktionieren als Insignien der Macht.

Zimbardo spricht neben dispositionellen, also eher persönlichen, von situativen Ursachen von Verhaltensweisen. Interessanter Weise wurde die minutiöse Darstellung des Stanford Prison Experiments erst 2008 veröffentlicht. Vorher gab es nur Zusammenfassungen in Fachzeitschriften. Für Zimbardo sind die Parallelen zwischen dem Experiment und dem Vorfällen in Abu-Ghraib so offensichtlich, dass er sich entschloss, das gesamte Experiment komplett en detail in seinem Ablauf der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Als Sachverständiger im Abu-Ghraib-Prozess plädierte er aufgrund der Ergebnisse seiner Forschungen für geringe Strafen der angeklagten amerikanischen Militärangehörigen vor Ort – und formulierte eine Anklageschrift gegen die Verantwortlichen der amerikanischen Regierung, die Abu-Ghraib als Situation geschaffen hatten.

Philip Zimbardo hat die Schriften Hannah Arendts gründlich studiert. Er nimmt ihren Impuls von der Banalität des Bösen auf und gibt diesem Satz eine überraschende Wendung. Zimbardo spricht von der Banalität des Guten und meint damit, dass man Menschen ebenfalls nicht ansieht, ob sie in einer bestimmten Situation über sich hinauswachsen, auf Respekt und Achtung anderer bestehen, ob sie kompetent eingreifen, wenn andere übergangen, benachteiligt oder an den Rand gedrängt werden. Zimbardo spricht von Helden des Alltags, die dem Druck einer Situation widerstehen. Zimbardo bemängelt, dass dieses „Heldentum“ von den Verhaltenswissenschaften bisher nicht systematisch untersucht worden sei. Es gibt zu wenige Forschungsergebnisse darüber, welche Faktoren jemanden befähigen, dem Druck einer Situation standzuhalten und anderen beizuspringen. Es gäbe tausende von Einzelgeschichten zu erzählen, die darüber zu allen Zeiten berichten. Sicher ist jedoch, welche Faktoren den Keim der Katastrophe in sich tragen: Dazu gehört jede subtile Art der Demütigung, der Ausgrenzung, der stigmatisierenden Verunglimpfung Einzelner oder ganzer Gruppen. Die Aberkennung von Dazugehörigkeit ist eine wesentliche Grundlage jeder Gewalt, die andere Vernichten will. Sei es im Alltag, in der Schule, während der Ausbildung oder am Arbeitsplatz.

Für Zimbardo hat die Banalität des Guten jedoch vor allem eine Perspektive der Hoffnung: Sie ist merkwürdigerweise ohne Arendts Banalität des Bösen überhaupt nicht denkbar.
 

 

Erscheinungsjahr
2010

Literatur

Literatur

Hannah Arendt:
Eichmann in Jerusalem
Ein Bericht von der Banalität des Bösen
München 2000, 10. Auflage

Hannah Arendt:
Über das Böse
Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik
München 2006, 2. Auflage

Kurt Flasch:
Meister Eckart
Die Geburt der „Deutschen Mystik“ aus dem Geist
der arabischen Philosophie
München 2006, 1. Auflage

Mahmood Mamdani:
Guter Moslem, böser Moslem
Amerika und die Wurzeln des Terrors
Hamburg 2006, 1. Auflage

Jacques Sémelin: 
Säubern und Vernichten
Die politische Dimension von Massakern
und Völkermorden
München 2007, 1. Auflage 

Thomas Steinfeld:
Die Anwälte des absolut Bösen
Wieder einmal unter Attacke:
Die Philosophin Hannah Arendt
Süddeutsche Zeitung vom 4.November 2009 

Howard Zinn:
Eine Geschichte des amerikanischen Volkes
Berlin 2007, 1. Auflage 

Philip Zimbardo:
Der Luzifer-Effekt
Die Macht der Umstände und die Psychologie
des Bösen
Heidelberg 2008, 1. Auflage