Im Land der Männer

Hisham Matar hat drei Bücher geschrieben. Alle sind auf Deutsch erschienen. Zuletzt Die Rückkehr, in dem er seine erste Reise nach Libyen nach Jahren des Exils beschreibt.

Textkörper

Er begibt sich auf Spurensuche nach seinem verschwundenen Vater, einem renommierten libyschen Dissidenten, der 1996 in Kairo entführt wurde und seither verschwunden ist. Die Rückkehr ist ein Reportagebuch, das in knappen Kapiteln die Geschichte des Landes, des Lebens dort und die Geschichte von Matars Familie erzählt. Es berichtet aus der kurzen Episode, als der arabische Frühling noch Hoffnung barg auf eine gerechtere und freie Gesellschaft, die ihre Konflikte auszuhandeln vermag. Einzelne Seiten lesen sich wie ein Thriller. Matar gelingt es, zu einem der Söhne Gaddafis konspirativ Kontakt aufzunehmen. In jeder Zeile ist die atemlose Spannung spürbar, ob dieses Treffen in London mit dem obskuren Sohn des Diktators die erhofften Informationen über das Schicksal von Matars Vater bringt oder schlicht eine Falle der Geheimdienste ist. Nach diesen Seiten wird die Obszönität spürbar, die es bedeutete, dass Gaddafi durch die Europäische Union in den neunziger Jahren als legitimer Vertreter seines Landes anerkannt und durch zahlreiche Treffen auf Regierungsebene geadelt wurde. Insbesondere Berlusconis Handschlag in Rom hatte diese blutverschmierten Hände, die den Terror von Lockerbie gelenkt hatten, reingewaschen. Es ist keine Frage, das Verschwinden seines Vaters, der als Freund, geliebter Mensch und Visionär die wichtigste Person für Hisham Matar ist, dieses Verschwinden ist sein Lebensthema. Er bezeichnet es als die Zelle, die Gefängniszelle, in der er sich bewegt. So beschäftigen sich alle drei Bücher mit dem Verschwinden einer männlichen Person und eines Sohnes, der übrigbleibt und irgendwie weiterzuleben versucht. Aber man würde Matar nicht gerecht, vermutete man damit eine thematische Einengung oder gar variierte Wiederholungen. Seltsamerweise ist das Gegenteil der Fall. Diese drei Bücher sind völlig unterschiedlich und offenbaren das außerordentliche Können Matars.

Im Land der Männer wird konsequent aus der Perspektive eines neunjährigen Jungen erzählt, der erlebt, wie sich das Leben anfühlt, wenn eine Diktatur in die Straßenspiele der Kinder hineinwirkt und das Leben der Erwachsenen immer rätselhafter erscheint. Eigentlich ist Im Land der Männer ein Jugendbuch, zu empfehlen ab zwölf Jahren. Als solches wurde es niemals besprochen, sondern als literarische Sensation des Jahres 2009 in Großbritannien. Neben der Geschichte des neunjährigen Jungen, dessen letzter Sommer in Bengasi erzählt wird, gibt es eine Geschichte hinter der Geschichte. Seine Mutter, diese schöne, gebildete Frau, war 14, als der „Ältestenrat“, angeleitet von ihrem Lieblingsbruder, beschloss, sie müsse jetzt heiraten. Die Zerstörung ihrer Jugend, ihrer Person und ihres Vertrauens in die vermeintlichen Versprechungen der Zukunft ist nahezu vollständig. Später, wenn der neunjährige Sohn mit seiner Mutter durch die Straßen und Cafés von Bengasi zieht, wirken sie wie Geschwister, die jeden Tag die sich wandelnden Farben des Meeres betrachten. Man bekommt Sehnsucht nach dieser Stadt und spürt bei jeder Zeile die untergründige Spannung, die zwischen den brutalen Riten dieser Gesellschaft und der Zärtlichkeit des Vaters, dieses Mannes vibriert, der einfach nur die Mutter seines Sohnes und diesen selbst liebt.

Geschichte eines Verschwindens, deutsch 2013, englisch, Anatomy of a Disappearance, 2011, ist zweifellos Matars Meisterwerk. Auch dies könnte ein Jugendbuch sein. Ein zwölfjähriger Junge, Spross einer reichen polyglotten libyschen Migrantenfamilie, „entdeckt“ bei einer Urlaubsreise mit seinem Vater in einem der zahllosen Hotels am Mittelmeer Mona, eine 26-jährige Britin, die hier ebenfalls Urlaub macht. Beim Zwölfjährigen ist es Liebe auf den ersten Blick. Überraschend, schonungslos und überwältigend. Eine unmögliche Liebe. Der zwölfjährige Junge wird Mona viele Jahre lang begegnen: Sie wird die Frau seines Vaters. Aber dieses erzählerische Arrangement bildet nur den Rahmen für drei weitere Geschichten, die sich wie in einem Hohlspiegel als Vexierbild allmählich offenbaren. All das wird in oftmals knappen, meisterhaften Sätzen erzählt, die man immer und immer wieder lesen möchte. Geschichte eines Verschwindens ist ein zeitloses Buch. Die politischen Verstrickungen des Vaters wirken eher metaphorisch als Sinnbild einer Gefahr, die jedem begegnet, der sich mit einer allzu entschlossenen Macht anlegt. Dieses Buch ist im besten Sinne Weltliteratur.

Im November 2017 hat Hisham Matar den Geschwister-Scholl-Preis erhalten.

 

Erscheinungsjahr
2018