1978 erschien die erweiterte Neuauflage des Lesebuchs der Deutschen Literatur der sechziger Jahre, herausgegeben von Klaus Wagenbach. Im Klappentext steht der Hinweis Lesebuch für die Oberstufe. Gesamtauflage 178 Tausend.
Dort findet sich ein Text von Peter Bichsel. San Salvador ist nur eine knappe Seite lang und eine Perle der Kurzprosa, für Aufsätze in der „Oberstufe“ wohl bestens geeignet. Die Geschichte beginnt damit, dass der nicht weiter benannte Protagonist sich einen Füllfederhalter gekauft hat. Auf einem Blatt am Küchentisch probiert er mehrmals seine Unterschrift, seine Initialen, dann nimmt er einen neuen Bogen und schreibt sorgfältig: „Mir ist es hier zu kalt“ und „Ich gehe nach Südamerika“. Er unterschreibt mit „Paul“. Dann, so erfahren wir, räumt er die Zeitungen vom Tisch und überfliegt dabei die Kinoinserate. San Salvador als Sehnsuchtsort, der Text eine kurze Geschichte der langen Suche.
1978 wurde Eddie Anzora in San Salvador, der Hauptstadt von El Salvador, geboren. Er spricht heute Spanisch mit starkem amerikanischem Akzent. Sein Sehnsuchtsort heißt Los Angeles. Dort wohnen seine Familie, seine Freunde, seine Geschäftspartner. 1981 verließ er mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder San Salvador und landete in Los Angeles. Im selben Jahr hatte nach einer innenpolitischen Krise die linke Guerilla die salvadorianische Armee attackiert. Es folgten elf Jahre Bürgerkrieg mit fünfundsiebzigtausend Toten. In dieser Zeit verließ ein Viertel der Salvadorianer ihr Land Richtung USA – bei einer Gesamtbevölkerung von 5 Millionen. Sie beantragten dort Asyl, etwa zwei Prozent der Anträge wurden bewilligt, die anderen Antragsteller lebten fortan illegal in den Staaten. Die USA engagierten sich im Bürgerkrieg militärisch und finanziell mit über sechs Milliarden Dollar, was nach Expertenmeinung wesentlich zur Verlängerung des Krieges beitrug. Als Eddie Anzora 2007 nach El Salvador zurückkehrte, war das Land eine der gefährlichsten Gegenden der Welt. Er war nicht freiwillig zurückgekommen, aber als einer der Ersten. In den Folgejahren wies die Obama-Regierung 2,7 Millionen Südamerikaner außer Landes, davon 152.000 Salvadorianer, so viele wie keine amerikanische Regierung zuvor.
In Los Angeles verzehnfachte sich bis in die neunziger Jahre die salvadorianische Community auf über 300.000. Anzora ließ sich mit seiner Mutter und seinem Bruder, wie die meisten seiner Landsleute, im Innenstadtbezirk South Central nieder. Anzora erzählt, dass zu dieser Zeit das Viertel von schwarzen und mexikanischen streetgangs beherrscht wurde. Sie begannen die neu auftauchenden salvadorianischen Jugendlichen zu brutalisieren. Als Anzora neun Jahre alt war, musste er sich für eine Gang entscheiden. Auf dem Weg zur Schule wurde er mit vorgehaltener Waffe so lange bedroht, bis er die Tätowierungen einer mexikanischen Gang trug. Allmählich bildeten sich als eine Art Notwehr salvadorianische Jugendbanden, die bald an Brutalität ihren Vorbildern in nichts nachstanden. Die dominantesten sind Mara Salvatrucha 13 (MS-13) und Barrio 18, benannt nach dem Viertel an der Kreuzung Eighteenth Street und Union Avenue.
Anzoras Mutter erhielt eine Green Card. Sie hatte jetzt zwei Jobs, als Köchin und als Caterer. Die Familie zog in das San Fernando Valley, weg aus dem Innenstadtbezirk. Anzora sagt von sich, dass er sich als Jugendlicher immer rebellischer gab. Eines Tages wurde er erwischt, als er Wände am Melrose Boulevard mit Farbe vollsprühte. Er verbrachte eine Nacht im Gefängnis. Seiner Mutter wurde es zu bunt. Sie beschloss, ihn und seinen Bruder für ein Jahr nach San Salvador zu schicken,
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um ihnen zu zeigen, wie leicht das Leben in Amerika sei. Als Anzora 1992 in El Salvador landete, war der Bürgerkrieg gerade vorbei und die US-Regierung begann die ersten Gangmitglieder aus den Gefängnissen abzuschieben. Anzora erinnert sich, dass in diesem Jahr alles, was amerikanisch war, unglaublich cool ankam. Er sprach kaum Spanisch, aber Amerikanisch perfekt und akzentfrei. Die Mädchen waren verrückt danach. Dabei blieb es nicht. Die US-Regierung deportierte immer rascher eine immer größere Anzahl von in den USA kriminell gewordenen Gangmitgliedern. Manchmal erhielt die salvadorianische Regierung nicht einmal Namenslisten. Die Deportierten hatten ein soziales Zugehörigkeitsgefühl entwickelt – und sie hatten eine Organisationsstruktur. Der Journalist Oskar Marinez schreibt dazu in seinem Buch A History of Violence: Living and Dying in Central America: Die amerikanische Abschiebepolitik führte dazu, dass die lokalen Streetgangs aus L. A. über Guatemala und Honduras in ein internationales kriminelles Netzwerk eingefügt wurden. Die salvadorianischen Sicherheitskräfte hatten dem nichts entgegenzusetzen. Überall im Land entstanden Klone der L.A.-Gangs Barrio 18 und MS-13. Ein Sicherheitsoffizier sagte dazu, es sei wie mit einer Petrischale gewesen, in die man Ebola-Viren getan hat.
1997, Anzora war einundzwanzig, wurde er bei einer Autofahrt durch L. A. kontrolliert und mit ein wenig Marihuana erwischt. Es war sein erster krimineller Zwischenfall als Erwachsener. Ein paar Tage später erhielt er eine Vorladung der Einwandererbehörde. Ein Rechtsanwalt wies ihn darauf hin, dass er sofort abgeschoben werden könnte, wenn er hinginge. Damit war seine Green Card weg und ein wenig später seine Sozialversicherungskarte. Das Tierhospital, in dem er Käfige säuberte, beschäftigte ihn weiter, bis es durch die Einwanderungsbehörde kontrolliert wurde. Die nächsten Jahre war Anzora unterwegs. Und er sagt über diese Jahre, dass er eine neue Dringlichkeit spürte, eine neue Geschäftigkeit in sich. Er wollte alles tun, um nicht nach San Salvador zurück zu müssen. Er hatte eine Freundin, sie wollten Kinder. Unter dem Decknamen eines anderen eröffnete er ein kleines Tonstudio, er baute eine Medienagentur auf, vermittelte Rapper. Und eines Tages wartete 50 Cent am Parkplatz auf ihn. Je größer sein Erfolg wurde, desto mehr hatte er zu verlieren, desto nervöser wurde er. Schließlich passierte es. Der Bruder eines Geschäftspartners war in einen Mordfall einer mexikanischen Gang verwickelt. Routinemäßig wurde seine Agentur durchsucht. Er hatte keine Papiere.
Als Anzora 2007 nach El Salvador zurückkehrte, schauten ihn die Leute schräg an. Jeder Salvadorianer, der Spanisch mit amerikanischen Akzent sprach, galt als Gangster. Der Anthropologe Juan José Martinez, der sich mit den Strukturen salvadorianischer Gangs auseinandersetzt, stellte fest, dass Deportierte keine Jobs bekamen, da niemand Gangster einstellen wollte. Das Stigma saß tief, war aber inzwischen unbegründet, da Salvadorianer massenhaft abgeschoben wurden, die nur aufgrund von Bagatelldelikten (bei Rot über die Ampel fahren) auffällig geworden waren.
Anzora hatte Glück, er kam bei einem Cousin unter. Der vermittelte ihm einen Job bei Sykes. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Florida, ist eines der wichtigsten der Branche, führt Call-Centers in 20 Ländern, davon die zwei größten in San Salvador mit 3.000 Beschäftigten. Sykes hat in den letzten Jahren im großen Stil in San Salvador expandiert. Das Unternehmen benötigt Mitarbeiter, die „idiomatisches Englisch“ sprechen. Dann fühlen sich amerikanische Kunden zu Hause. Und davon gab es in El Salvador immer mehr. Inzwischen operieren neben Sykes zehn weitere große Call-Center-Firmen. In der Branche gilt, dass die aus den USA Abgeschobenen besonders loyal seien. Sie wissen, sie haben keine zweite Chance. Und die Arbeit im Call-Center sei wie eine Art Heimatersatz. Sie dürfen Amerikanisch sprechen, das mindert die Verzweiflung. Und der Lohn von 600 Dollar im Monat ist dreimal so hoch wie der salvadorianische Mindestlohn.
Anzora hat all das beobachtet und überlegt, wie er den neu Angekommenen, also den aus den USA Verwiesenen, helfen kann. Er sagt, es fängt bei der Kleidung an. Diese weiten Hosen, die Caps, das
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sind Gang-Symbole, die müssten als Erstes weg. Dann der Gang, die Art zu laufen. Nicht dieses Breitbeinig-Wippende. So laufen keine Salvadorianer. Und er hat eine Unterrichtsmethode entwickelt: English4CallCenters. Er arbeitet jetzt nur noch als Teilzeitkraft bei Sykes. Zusammen mit seinem Partner Rodrigo Galdamez hat er an zehn Orten Seminare aufgebaut, zwei davon in Guatemala, die im letzten Jahr 1.000 Schüler besuchten.
Das Leben in San Salvador ist hart. Anzora sagt, in dem Viertel, in dem er wohnt, ist er immer der Fremde. Seine Frau, mit der er ein Kind hat, gehörte zu einer der örtlichen Gangs. Nur deshalb werde er geduldet. Am Anfang ging er nie alleine ohne sie auf die Straße. Zu gefährlich. El Salvador hat heute weltweit einer der höchsten Mordraten. In den vergangenen Jahren wurden hier jährlich mehr Menschen umgebracht als in den Jahren des Bürgerkriegs.
Hätte Peter Bichsels Protagonist seinen Abschiedsbrief verfasst, wäre er aufgebrochen (was ihm nicht zu empfehlen gewesen wäre) und hätte er womöglich Eddie Anzora getroffen – es gibt die unwahrscheinlichsten Zufälle –, auf die Begegnung und das Gespräch wäre man neugierig gewesen.
Grundlage für die Wiedergabe der Geschichte von Eddie Anzora ist die Reportage von Jonathan Blitzer „Letter from El Salvador. Called away. A deportation crisis has fuelled an unlikely industry“, erschienen im New Yorker, 23. Januar 2017.